Die Tiernatur
Hartwig hatte seine neue Familie gefunden. Er fühlte sich angerührt, ergriffen von all der Liebe, die er in den wenigen Tagen erleben durfte. Wieder hätte er beinahe spontan losweinen können. Dann gab er sich einen Ruck, sagte zu sich selbst: „Das ist schon Vergangenheit.“ Um nicht sofort in der wiederkehrenden Erinnerung erneut wehmütig zu werden, pfiff er ein Liedchen, während er auf der Autobahn nach Hause zurückfuhr. Dazu trommelte er ein wenig auf dem Lenkrad und sah seine Zukunft wie eben diese Autobahn vor sich liegen. Seine Sarah! Dann sah er sie vor sich liegen. Wunderbar... sofort fühlte er, wie sein Penis erigierte. Hartwig war stolz auf sich. Er brauchte nur an sie zu denken und schon... Sarah würde glücklich sein. Er würde es ihr erzählen, unbedingt! Allerdings wollte er ihr erst nach und nach seine vielen Fähigkeiten präsentieren. „Langsam, langsam, Hartwig“, sagte er zu sich selbst, „nicht alle Trümpfe auf einmal ‘rausgeben. Du musst immer noch etwas in der Hinterhand behalten.“ Er war einfach genial, genial wie Pablo Picasso oder Leonardo da Vinci. Was hatte ihm Sarah noch über Leonardo erzählt? Es war eine merkwürdige Geschichte; jedenfalls hatte er als Knabe von seinem Vater den ersten Auftrag bekommen und ihn auf sehr ungewöhnliche Weise ausgeführt. Leonardo hatte sich mehrere Tage in seinem Zimmer eingeschlossen und stellte dort, während die organisierten toten Echsen, Fledermäuse, Schlangen und Insekten allmählich zu verwesen anfingen, eine äußerst grässliche Dekoration auf einem radähnlichen Untergrund aus Feigenholz her. Dann präsentierte er seinem Vater auf einer Staffelei diese Ungeheuerlichkeit, die selbst aussah, wie ein Ungeheuer. Sie erfüllte mit widerlichem Gestank den ganzen Raum. Das Komische an dieser Geschichte war - so wird berichtet - dass Leonardos Erstlingswerk für zweihundert Dukaten an einen Florentiner Kaufmann verkauft wurde. Hartwig empfand, während Sarah ihm dies erzählte, eine gewisse Affinität zu diesem Universalgenie, hatte er doch als Heranwachsender mit Katzen für sich wichtige Erfahrungen gemacht. Er testete ihre Belastbarkeit an Schmerz, entdeckte, dass sie eine Art masochistischen Vergnügens daran fanden, die sie mitspielen ließen, obwohl sie spürten, dass es um ihr Leben ging. Wenngleich sie kläglich miauten, so forderten sie ihn doch geradezu aus ihren Augenwinkeln und durch die Schräghaltung ihres Körpers heraus dazu auf, dass er ihnen den nächsten Schmerz zufügen möge. Hierzu warf er sie erneut an die Wand. Hinterher, wenn sie schließlich krepiert waren, sezierte er sie. Er war mit seiner wissenschaftlichen Forschungsarbeit sehr zufrieden. Ausschlaggebend - für die Erlaubnis solcher Praktiken wie von Leonardo und ihm - war doch die Aussicht auf Erfolg. Geld als Ausdruck der Anerkennung oder Erkenntnis als Ausdruck persönlicher Reife, darum ging es! Er liebte Tiere, nur nicht im Besonderen Katzen. Doch zumindest eines hatte er mit ihnen gemeinsam: er war Sternzeichen Wassermann mit dem Aszendenten Löwen. Im Bild des Löwen trat ihm die Raubkatzennatur entgegen. Wenn er, Hartwig, den Raum betrat, dann wurde der Raum voll von ihm, wurde von seinem Charisma erfüllt. Er duldete nur in ganz besonderen Zusammenhängen jemanden - der ihm etwas voraushaben könnte - in seinem Raum. In seltenen Fällen solcher Konfrontationen war er zu einer demütigen, ja ehrfurchtserbietenden Haltung bereit. Üblicherweise aber war er der König, der die Gesetze diktierte, und die anderen waren die Mäuse. Nun hatte er seine Königin gefunden, Sarah! Sie erschien ihm zwar noch etwas verwunschen; aber wenn sie ihm bereitwillig folgte, dann würde er den Zauberbann von ihr nehmen können! Er brauchte Aufgaben, die seiner Entwicklung dienten! Du musst sie nun vor allen Dingen in lustige Gesellschaft bringen, damit sie sieht, wie leicht sich’s leben lässt... - Sarah würde eine wundervolle, würdevolle Aufgabe für ihn sein!